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Unternehmen für Toleranz 2020 / 2021 – Feierliche Titelverleihung für Sächsische Unternehmen

04. Juni 2021

 Die Entscheidung ist gefallen. Ausgewählt von einer Jury, bestehend aus Vertreter*innen des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, des DGB Sachsen, der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft, des Vereins Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen, des Kulturbüros Sachsen und von ARBEIT UND LEBEN Sachsen, wurden fünf sächsische Unternehmen ausgezeichnet und für ihr Engagement für Werte wie Vielfalt und Toleranz und gegen Diskriminierung mit dem Titel „Unternehmen für Toleranz“ gewürdigt.

Ausgezeichnet wurden dokumentierte Aktivitäten der Leitung und der Belegschaft des Unternehmens für demokratisches Zusammenleben, Integration, Vielfalt und Toleranz und gegen Rassismus und Diskriminierung. Der Titelwettbewerb richtet sich sowohl an kleine und mittlere als auch an Großunternehmen in Sachsen. 

Die Preisträger: Sonderpreis Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) GmbH, Heilpädagogik Bonnewitz, Hort Kuntzehöhe, Siemens AG, Schaltanlagenbau Leipzig, AWO Senioren- und Pflegeheim »Albert Schweitzer«.

Laudatio für den Preisträger Hort Kuntzehöhe, Plauen/Vogtland von Katrin Fischer Wirtschaft für ein Weltoffenes Sachsen e.V.

Der Kern der Sache ist das Wohlbefinden jedes Kindes, es geht um die Lebenszeit der Kinder und dass wir ihnen so viele Freuden, Freiheiten, Abenteuer, Herausforderungen und positive Beziehungserfahrungen gönnen wollen wie nur möglich.“ G. Lill 

So der Leitspruch unseres nun folgenden Preisträgers. Eines, zumindest in unseren Denk- und Sprachgebrauch, Unternehmens nur im weiteren Sinne. 

Gemeinsam tollen Felix, Ljuba, Anastasia und Kemal auf den Matten im gleich neben dem Kunstatelier liegenden Sportraum im Erdgeschoss und sorgen für einen ordentlichen Geräuschpegel. Pauline erobert still konzentriert die Kletterwand. 

Bis zu 180 Kinder aus 20 Nationen verbringen im weitläufigen Areal des Grundschulhortes gemeinsam ihre Nachmittage, von Montag bis Freitag. Entsprechend der Pandemiebedingungen. Und hoffentlich recht bald wieder ganz uneingeschränkt. 

Gemeinsam mit 7 pädagogischen Fachkräften, die sich selbst nicht als Erzieher*innen bezeichnen, sondern als Begleiter*innen, Vertraute, als Spielermöglicher*innen, als Freiraumgestalter*innen, als Beziehungsstifter*innen, Themenforscher*innen. Was schon Wesentliches zur gelebten Beziehungsgestaltung und -kultur dieser Bildungseinrichtung aussagt. 

Wir sind im Grundschulhort Kuntzehöhe in der westsächsischen Stadt Plauen, 65.000 Einwohner. Die Erfolgsgeschichte dieser Einrichtung bis hin zur heutigen Preisträgerschaft ist eng mit einer aktuell unsere Gesellschaft streitbaren und auch spaltenden Thematik verbunden: Flüchtlinge. Asylpolitik. Zuzug. Integration. 

September 2015 im vogtländischen Plauen. Quasi über Nacht kamen 10 Kinder aus Syrien, Pakistan und dem Iran. Sie wurden vormittags in sogenannten „DAZ-Klassen“ unterrichtet und nachmittags im Hort betreut. Betreut? Sie konnten kein Deutsch, ihre Eltern lebten in Erstaufnahmeeinrichtungen. Was also tun für ein unbeschwertes Miteinander, für Kennenlernen trotz Sprachbarrieren, für eine Gleichbehandlung trotz Unterschiede in Tagesabläufen, Lieblingsessen, von der Aufarbeitung der oft traumatischen Erlebnisse der letzten Monate ganz zu schweigen. „Wir brauchen Wissen“ – hinter dieser kurzen Einschätzung der damals verantwortlichen Leiterin Jana Knüpfer steckte nichts anderes als ein uneingeschränktes: ‚Herzlich willkommen. Wir wollen das schaffen. Lasst uns das „wie“ schnell erlernen!` 

Hilflosigkeit spürte man schon damals nicht; es wurde angepackt, ausprobiert, miteinander besprochen, kritisch hinterfragt – nicht selten nach der Arbeitszeit. Gemeinsam. 

Und gemeinsam gelang es auch, den positiven anfänglichen Aktionismus nach und nach in feste Strukturen, Prozessabläufe und Netzwerke zu überführen. Die Pädagoginnen suchten sich schnell Unterstützung, die erste tatsächlich in Person einer Islamwissenschaftlerin aus dem privaten Umfeld. Sie schufen sich ein funktionierendes Netzwerk zu Integrationsanbietern und Jugendeinrichtungen zur Stadtverwaltung ebenso wie zu Ehrenamtlichen aus dem wissenschaftlichen Bereich und Muttersprachlern, die sie u. a. mit der Übersetzung von Informationsmaterialien betrauten. Seit 2016 ist das gesamte Hortteam vorn dabei im Modellprogramm „WillkommensKitas“. Regelmäßige Supervisionen und Fortbildungen fördern und stärken die interkulturelle Kompetenz des Teams konkret und messbar, legen ungeahnte Ressourcen offen und damit das weltoffene Miteinander. 2017 und 2020 qualifizierten sich 2 Fachkräfte mit Hilfe des BAMF zu Elternbegleiter*innen. Niemals über die Köpfe der Kinder hinweg sondern mit ihnen: ein aktiver Kinderrat ermutigt ehrlich zur offenen Meinungsbildung und Selbstbestimmung der Kinder. Denn dafür ist man nie zu klein. 

Wissenshoheit? Davon hält man hier gar nichts: Gern, offen und ohne erst mal den damit verbundenen Aufwand an Zeit und Organisation nachzurechnen, schloss sich der Hort 2020 dem Projekt „Zusammen- Wachsen. Interkultureller Austausch von KiTa und Hort“ an – und gibt seine Erfahrungen, zu Recht mit Stolz, weiter: an anderen Einrichtungen bis ins Erzegbirge und nach Ostsachsen. Hospitationen werden ermöglicht, Workshops angeboten und auch in Fachzeitschriften für eine offene und tolerante Grundhaltung geworben. Bei pädagogischen Fachkräften – und auch solchen, die es werden wollen. Das Team Kuntzehöhe unterstützt bei allen eigenen Aufgaben auch gern Ankommende bei behördlich Notwendigem, um z.B. ein Ehrenamt aufnehmen oder mit einer qualifizierten Ausbildung ins künftige Berufsleben starten zu können. 

Wir vom Verein Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen verneigen uns. Vor dem unermüdlichen Engagement. Für das Machen, Durch- und Aushalten in sicher nicht immer einfachen Situationen, für die Wissensweitergabe, für die Verstetigung zukunftsbestimmender und nachhaltiger Bildungsansätze – und für den sensiblen Sprachgebrauch: Begleiter statt Erzieher. Willkommen statt Integration. Für ein auch künftig lebens- und liebenswertes Sachsen.
Wir wünschen dem Team um Mandy Stupning, der heutigen Leiterin des Grundschulhortes Kuntzehöhe, bei allen Ideen und Herausforderungen Kraft – und auch die dazugehörige Portion Glück. 

Wir sagen DANKE.